Geschichten sind Fenster in andere Welten und Brücken zwischen Menschen. Beim gemeinsamen (Vor-)Lesen begegnen wir verschiedenen Kulturen, Sprachen und Lebensrealitäten. In Erzählungen aus aller Welt entdecken wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten, erfahren Neues und erweitern unseren Horizont. Das fördert nicht nur die Sprachentwicklung und den Dialog, sondern auch Offenheit, Toleranz und Empathie. Kinder und Jugendliche lernen, sich in andere hineinzuversetzen und Vielfalt als Bereicherung zu erleben.
In einer zunehmend vernetzten und vielfältigen Welt sind diese Fähigkeiten besonders wichtig. Geschichten regen zum Nachdenken an, öffnen den Blick für andere Perspektiven und stärken den gegenseitigen Respekt.
Deshalb richtet das SIKJM am Schweizer Vorlesetag 2026 mit dem Schwerpunkt «Vorlesen baut Brücken» den Fokus auf die Kraft des gesprochenen Wortes, die Menschen unabhängig von Herkunft und Sprache verbindet.
Vorlesen schafft nicht nur Zugänge zur Sprache und Literatur. Durch Geschichten verschiedener Kulturen und Perspektiven erleben Kinder und Jugendliche, wie bereichernd Vielfalt ist und dass gemeinsames Zuhören verbindet.
Der Schweizer Vorlesetag lädt dazu ein, die unterschiedlichsten Geschichten zu teilen und zu zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist.
Für das Schwerpunktthema zum Vorlesetag 2026 arbeitet das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM mit den Netzwerkpartnern Baobab Books und SwissDiversity zusammen.
Sonja Matheson, Geschäfts- und Programmleiterin Baobab Books, zum Fokusthema 2026:
«Bücher lassen uns reisen, ohne dass wir einen Koffer packen müssen. Und Geschichten ermöglichen uns Begegnungen mit Menschen, die wir im Leben nie kennenlernen würden. Eine Geschichte vorzulesen ist immer eine Einladung, eine Brücke zu betreten und eine andere Welt zu besuchen. Dort angelangt schauen wir uns staunend um, entdecken Neues ebenso wie Vertrautes – und schauen mit neuem Blick auf die eigene Welt zurück. Das ist sie, die Magie der Literatur.»
Baobab Books ist die Fachstelle zur Förderung der kulturellen Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur, die mit ihren Angeboten zur interkulturellen Leseförderung und dem weltumspannenden Buchprogramm die Lesekompetenz junger Menschen fördert und zum Perspektivenwechsel einlädt.
In ihrem Verzeichnis Kolibri empfiehlt Baobab Books Bücher, die Kindern und Jugendlichen eine offene Begegnung mit anderen Kulturen ermöglichen und Aspekte der kulturellen Vielfalt und des interkulturellen Zusammenlebens differenziert aufzeigen.
Alice Köhncke, Leiterin Swiss Diversity Leaders Club, zum Fokusthema 2026:
«Swiss Diversity freut sich, gemeinsam mit dem Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM auf die Bedeutung von Bildung, sozialer Herkunft und Chancengerechtigkeit aufmerksam zu machen. Die Botschaft ‹Vorlesen baut Brücken› passt auch perfekt zu unserem Jahresthema ‹Education & Social Background›. Geschichten verbinden Menschen über soziale, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg – sie fördern Verständnis, Empathie und Teilhabe und zeigen, dass Vielfalt unsere grösste Ressource ist – für faire Bildungswege, nachhaltige Integration und eine zukunftsfähige Gesellschaft. Gemeinsam mit dem SIKJM möchten wir Brücken bauen, die Perspektiven öffnen und die Bedeutung von Bildung als Schlüssel zu sozialer Mobilität in der Schweiz unterstreichen.»
Als gemeinnütziger Verein schafft Swiss Diversity Raum für Inklusion in der Schweiz. 2026 rückt Swiss Diversity das Thema Education & Social Background ins Zentrum seiner Leaders Club Webinare und beleuchtet dabei die vielfältigen Facetten von Bildung und sozialer Herkunft.
Wir haben für Sie eine kleine Auswahl von Büchern zusammengestellt, die thematisch zum Fokus 2026 passen und sich zum Vorlesen eignen. Die Altersangaben sind dabei nur eine Orientierungshilfe.
Oetinger 2023
14 S.
Eine knapp 140 cm lange Strassenzeile zum Aufstellen versteckt sich in diesem Leporello. Auf den wimmeligen Szenen in und vor Kita, Bäckerei, Yogastudio oder Bibliothek leben und begegnen sich ganz unterschiedliche Menschen von heute. Kurze Reime weisen auf Figuren hin, kleine Klappen runden die Spielanlage ab.
Hanser 2025
64 S.
Auf 30 Doppelseiten stellt Schärer Gemeinsamkeiten und Unterschiede vor und zeigt Diversität als Selbstverständlichkeit: «Alle essen. Nicht alle essen Fleisch.» Oder «Alle machen Pipi. Nicht alle gehen aufs Klo.» Wunderbar illustriert sind die anregenden Sätze mit ausdruckstarken Tieren in kleinen Szenen.
NordSüd 2021
48 S.
Ein Berg, sechs Tiere und ebenso viele Perspektiven auf den Berg führen zu Streit. Alle Tiere wollen recht haben! Erst die von einem Zugvogel initiierte gemeinsame Bergbesteigung bringt Weitsicht und die Einsicht, dass alle recht haben. Die feingliedrigen Illustrationen unterstützen im klugen Wechsel zwischen grossen Panoramen und kleinen Vignetten und Panels die Perspektivenfrage. Dieses eindrückliche Plädoyer für Toleranz und Vielfalt ist in verschiedenen mehrsprachigen Fassungen erhältlich.
Thienemann 2025
32 S.
Fünf gefiederte Fremde tauchen in der Stadt Dusty Hill auf. «Niemand hatte sie hier je gesehen.» Sie verhalten sich sehr verdächtig: Warum bestellen sie im Saloon einen Teller mit Wasser? Warum baden sie im Sand? Und warum nur flüchten sie vor Schlange Bill und Geier Rob? Die Stadtbevölkerung, als cartoonhafte Tiere gezeichnet, ist skeptisch – die Bilderbuchleser:innen aber erkennen schnell, von wem hier tatsächlich Gefahr ausgeht. Das humorvolle Bilderbuch regt zum Austausch über Vorurteile und Intoleranz ein.
Gerstenberg 2025
72 S.
Mehr «Lie-ge-schtü-tzen» solle er machen, sagt Jaschas Lehrerin. Doch der eben aus Bosnien immigrierte Junge versteht nur «Liekesch». Sportladenbesitzer Frank findet auf Jaschas Frage kein solches Gerät. Dafür freunden sich der einsame Mann und der Junge an. In Briefe an seine tote Mutter offenbart Frank seine eigenen Unsicherheiten, während er mit Jascha einen Plan entwickelt, wie dieser seine Talente zu Geld machen kann. Aus zwei Perspektiven erzählt dieses Buch eine herzerwärmende Geschichte rund um Sprache, Ankommen und Freundschaft über Generationen hinweg.
Klett Kinderbuch 2025
64 S.
56 Figuren jeden Alters tummeln sich in diesem Buch und werden immer wieder neu sortiert und eingeordnet: «Alle, die etwas auf dem Kopf tragen» ist von aussen noch gut erkennbar. «Alle, die eine Narbe haben» ist schon versteckter und erzählt von Durchlebtem. Wir erfahren vor allem durch die Illustrationen, mit Sprechblasen und wenige Textinformationen, dass alle etwas sammeln, wer auf der Flucht war und wem etwas fehlt. Dabei lassen sich die Persönlichkeiten durch das Buch verfolgen. Witzig, durchdacht und zum Denken anregend – weil Menschen mehr sind als Klischees.
Gerstenberg 2025
144 S.
Schon lange will die Familie Mirza umziehen. Die 3-Zimmer-Wohnung ist mit fünf Kindern einfach viel zu klein. Und nun macht der Schimmel den kleinsten Bruder krank. Janan und ihre Brüder brauchen einen Plan. Tatkräftig hängen sie Zettel aus, suchen nach Neubauten und verhandeln mit Verwaltungen und Vermietern. Doch immer kommt etwas dazwischen. Da hat Janan genug! Ein Kinderroman mit viel Herz über Wohnungsnot und Vorurteile, aber vor allem über Geschwisterzusammenhalt und Selbstwirksamkeit.
Oetinger 2022
352 S.
Bei der Millionärsfamilie Ranzmeier wurde eingebrochen! Valentin, Mesut und Jamie-Lee machen sich auf Spurensuche, verstecken dabei ein alterndes One-Hit-Wonder im Schrebergarten und werden um ein Haar noch selbst entführt. Abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt, wird hier beste Kinderkrimi-Unterhaltung geboten, wobei auf witzige, aber nie respektlose Art die verschiedenen Lebensweisen und sozialen Unterschiede in einer Grossstadt eingeflochten werden.
Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels
Arctis 2022
208 S.
Mahmoud wohnt mit seiner pakistanischstämmigen Familie in einer Blocksiedlung am Rande von Oslo. In seinem Jugend-Slang ist er ein prägnanter Beobachter der gesellschaftlichen Realitäten Norwegens. Als sein kleiner Bruder ihm anvertraut, eigentlich ein Mädchen zu sein, ist er erst einmal überfordert: Die Toleranz, die in der Schule für diese Themen gelehrt wird, kann er in seiner Familie nicht erwarten. Ein witziger, frecher und dennoch tiefgründiger Einblick in das Leben zwischen zwei Kulturen.
Arctis 2024
384 S.
Die 16-jährige Ich-Erzählerin Dessi führt zwei Leben: Das eine findet in ihrem bulgarischen Migrationskiez im Münchner Quartier Neuperlach statt, das andere in einem angesagten Gymnasium in der Münchner Innenstadt. Zwei Identitäten, zwei Freundeskreise, zwei Insta-Accounts und jede Menge Notlügen, das geht auf Dauer nicht gut. Dieser Jugendroman entlarvt Vorurteile hüben wie drüben, übt scharfzüngig und komisch zugleich Kritik an Integrationskonzepten und persifliert das Genre der romantischen Komödie. Dazu kommen peppige Dialoge und schräge, aber äusserst liebenswerte Figuren.